In einer Folge des Podcasts KI Update fiel ein Satz, der mich aufhorchen ließ: „Alle KI-Anbieter geben die Daten ihrer Nutzer an Werbetreibende weiter.“ So eine Aussage bleibt hängen. Manche User geben in diesen Tools inzwischen allerhand ein, medizinische Fragen, berufliche Überlegungen, Finanzkram, persönliche Gedanken. Der Gedanke, dass das alles irgendwie bei Werbefirmen landet, ist unangenehm. Aber stimmt das überhaupt?
Ich habe mich hingesetzt und ein bisschen recherchiert. Datenschutzrichtlinien geprüft, Studien angeschaut, aktuelle Entwicklungen verfolgt. Das Ergebnis ist, wie bei solchen Themen üblich, nicht schwarz-weiß. Aber es ist klarer, als man nach dem Podcast gedacht hätte.
Was die Anbieter offiziell sagen, und was dahinter steckt
Liest man die Datenschutzrichtlinien der großen Anbieter, klingt die Antwort zunächst eindeutig: Nein, Chat-Inhalte werden nicht direkt an Werbefirmen verkauft. So weit, so beruhigend. Aber der Teufel steckt im Detail, denn die Unterschiede zwischen den Anbietern sind erheblich.
Google unterscheidet hier genau zwischen zwei Dingen. Die Gemini-App selbst ist aktuell werbefrei, und Google hat offiziell bestätigt, dass Chat-Inhalte dort nicht für Werbe-Targeting genutzt werden. Wie lange das so bleibt, ist allerdings eine offene Frage: Im Q1-2026-Earnings-Call signalisierte Googles Chief Business Officer, man sei „offen“ für Werbung in der Gemini-App, und laut einem Adweek-Bericht hatte Google zu diesem Zeitpunkt Agentur-Kunden bereits Anzeigenplätze für 2026 angeboten. Offiziell dementiert, intern offenbar schon verhandelt. Anders sieht es bei der Google-Suche aus: Wer dort die KI-Zusammenfassungen nutzt und seine „Web- & App-Aktivitäten“ aktiviert hat, dessen Anfragen fließen sehr wohl ins persönliche Google-Werbeprofil ein. Das sind unterschiedliche Produkte mit unterschiedlichen Regeln, und das wird selten sauber erklärt.
Anthropic betreibt überhaupt kein Werbegeschäft, was die Lage dort vergleichsweise übersichtlich macht. Bei kostenlosen und Pro-Accounts fließen Chat-Daten standardmäßig ins Modell-Training, was sich in den Datenschutz-Einstellungen deaktivieren lässt. Werbedaten gibt es keine.
OpenAI hat am 16. Januar 2026 begonnen, Werbung in ChatGPT zu testen, zunächst für erwachsene Nutzer des kostenlosen Tarifs und von ChatGPT Go in den USA. Die Anzeigen erscheinen unterhalb der Antworten, wenn sie thematisch zum Gespräch passen, und sind als gesponsert gekennzeichnet. OpenAI betont, dass Chat-Inhalte nicht an Werbepartner weitergegeben werden. Für Europa ändert sich erstmal nichts, da die DSGVO deutlich höhere Hürden setzt.
Grok von xAI ist besonders eng mit der Plattform X verknüpft. Interaktionen mit Grok schärfen das Nutzerprofil auf X, was sich direkt auf die dort ausgespielte Werbung auswirkt. Das ist das transparenteste Beispiel dafür, wie KI und Werbung ineinandergreifen können.
Das eigentliche Problem: Tracking-Pixel im Browser
Wenn die Anbieter versichern, keine Chat-Inhalte für Werbung zu verkaufen, woher stammt dann die Behauptung aus dem Podcast?
Die Antwort liegt in einer Studie, die Forscher des IMDEA Networks Institute im Mai 2026 veröffentlicht haben. Sie haben neun KI-Plattformen untersucht und ein strukturelles Problem gefunden: Nicht das KI-Modell selbst ist das Problem, sondern die Websites der Anbieter.
Das Grundprinzip: Jeder Chatbot benennt Unterhaltungen automatisch mit einer kurzen Überschrift, zum Beispiel „Symptome bei Bluthochdruck“ oder „Gehaltsverhandlung vorbereiten“. Diese Titel landen im Browser-Tab und im Seitencode, wo klassische Web-Tracker wie Meta Pixel oder Google Analytics sie abfangen und weiterleiten können.
Das Ergebnis der Studie: Alle neun untersuchten Dienste waren in mindestens einen Werbe- oder Tracking-Dienst eingebunden. Bei ChatGPT gehörten geteilte Chat-Links zu den häufigsten Datenlecks, die an Drittanbieter übermittelt wurden. Bei Claude leitete Anthropic nach dem Ablehnen von Cookies Daten noch immer serverseitig an rund elf Dienste weiter, was bedeutet, dass ein Werbeblocker im Browser das nicht unterbinden kann. Bei Grok gingen Chat-Titel, Konversations-URLs und auf geteilten Seiten sogar Screenshots der neuesten Prompts an Google, Meta und TikTok. Als Testlink auf einer Grok-Seite platziert wurde, öffneten ihn laut Studie 70 Geräte aus 14 Ländern, teilweise noch Tage später.
Die Forscher betonen ausdrücklich, dass damit nicht bewiesen ist, dass jemand tatsächlich Chat-Inhalte liest. Aber die Infrastruktur dafür existiert, und Daten fließen. Das ist ein relevanter Unterschied zu dem Satz aus dem Podcast, aber kein Freifahrtschein.
Die nächste Ebene: KI-Agenten kommen, aber nicht nach Europa
Während bei Chatbots nur Text eingegeben wird, steuern wir auf etwas Neues zu. Meta hat am 8. September 2026 seinen KI-Agenten Muse vorgestellt, OpenAI folgte im September mit Dots. Diese Agenten arbeiten autonom im Hintergrund, haben Zugriff auf Postfach, Kalender und Bezahldienste und erledigen Aufgaben eigenständig, während man selbst etwas anderes tut.
Das hebt das Datenschutzthema auf eine völlig andere Ebene. Ein Chatbot bekommt das, was man eingibt. Ein Agent hat deutlich tieferen Zugriff auf das eigene digitale Leben.
Für die meisten in Europa ist das vorerst hypothetisch. Meta Muse ist im EWR nicht verfügbar. Bei OpenAI Dots ist die Lage etwas differenzierter: Pro-Nutzer im EWR, in der Schweiz und in Großbritannien sind beim Start ausgeschlossen, in Deutschland soll die Nutzung über den ChatGPT Business Premium-Tarif möglich sein. Der Grund für die Einschränkungen liegt in den strengen EU-Regelwerken: DSGVO, AI Act und DSA stellen gerade für Agenten, die dauerhaft im Hintergrund laufen, eigenständig Entscheidungen treffen und auf persönliche Daten zugreifen, erheblich höhere Hürden auf als das US-Recht. Wer sich grundsätzlich fragt, wie viel digitale Kontrolle man überhaupt zurückgewinnen kann, findet dazu hier einen eigenen Beitrag.
Was man konkret tun kann
Man muss auf KI-Tools nicht verzichten, um die eigene Privatsphäre zu schützen. Ein paar praktische Maßnahmen helfen:
Cookie-Banner konsequent ablehnen. Die Studie zeigt, dass Cookies ablehnen den Datenabfluss reduziert: Rund drei Viertel der übermittelten Identifier flossen nur nach „Alle akzeptieren“. Allerdings: Nach „Ablehnen“ blieben in der Untersuchung immer noch 80 Prozent der Tracker aktiv, und vier der neun Dienste sammelten weiterhin Daten. Cookies ablehnen ist also kein vollständiger Schutz, aber der einfachste erste Schritt.
Einen Werbeblocker nutzen. Tools wie uBlock Origin oder datenschutzfreundliche Browser wie Firefox oder Brave blockieren viele Tracker schon beim Seitenaufbau. Nicht alles, aber einen erheblichen Teil.
Apps statt Browser bevorzugen. Die mobilen Apps der meisten Dienste enthalten deutlich weniger Drittanbieter-Tracker als die Weboberflächen.
Training deaktivieren. Bei Claude unter Einstellungen unter „Help improve our AI models“, bei ChatGPT unter „Data Controls“ lässt sich das Modell-Training mit eigenen Chats abschalten.
Keine sensiblen Daten eingeben. Klarnamen, Passwörter, Bankdaten oder Gesundheitsdetails haben in einem öffentlichen Chatbot nichts verloren, unabhängig von allen anderen Maßnahmen.
Mein Fazit: Der Satz aus dem Podcast war zu pauschal. Die Realität ist komplizierter und ehrlich gesagt auch beunruhigender auf eine andere Art: nicht weil Konzerne aktiv Chat-Inhalte verkaufen, sondern weil eine Infrastruktur existiert, die das theoretisch ermöglichen würde, und weil dieser Bereich bisher kaum reguliert ist. Das Thema bleibt es wert, im Auge zu behalten.
In einem weiteren Beitrag zeige ich, wie man nach Artikel 15 DSGVO eine vollständige Datenauskunft bei Google, OpenAI, Anthropic und Meta anfordern kann. Beitrag folgt.
Beitragsbild: Mit Hilfe von KI erstellt